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Gleis L führt geradewegs zum Kaiserbahnhof

Joachimsthal (MOZ/wer) Der Wein steht schon einmal auf dem Tisch, wie man sich das bei Literaten vorstellt. Weißer Wein - passend zur Leichtigkeit des Frühlingstags, der beidseits durch die großen Fenster der kaiserlichen Wartehalle hereinfällt.

Miriam Kracht lässt eine Sternschnuppe klanglos in die Tiefe eines Brunnens fallen. Ihrem Gedicht "Einsamkeit" stellt Carsten Schneider spontan einen eigenen Sternschnuppentext gegenüber. Anders als Kracht hat in der Wirklichkeit beobachtet, wie ein Meteorit in einen See fiel. "Das hat richtig geknallt."

Im Joachimsthaler Kaiserbahnhof hatte am vergangenen Wochenende die Literaturwerkstatt "Gleis L" Premiere. Literarisch Interessierte aller Altersgruppen wollen die Initiatoren Carsten Schneider und Holger Barthel mit dem neuen Projekt der "Kulturschiene" ansprechen. Raum ist für bis zu 20 Teilnehmer, die im Austausch mit anderen an ihren Texten arbeiten wollen. Zur ersten Veranstaltung fanden fünf zusammen, kaum mehr als der Gründerkern. "Egal wie wenig Leute kommen - heute wird der Anfang gemacht. Mit einem Anfang kommt auch eine Fortsetzung", sagt Richard Pietraß.

Der 1946 in Sachsen geborene Dichter aus Berlin betreut die Werkstatt inhaltlich. Als Student habe er parallel in drei verschiedenen Berliner Zirkeln gelesen. Eine ähnlich lebendige Arbeit erhofft er sich nun fernab der Großstadt. "Schreiben ist ja auch sich preisgeben können. In unserer Gesellschaft sind wir eher Fassadenmenschen. Literatur ist genau das Gegenteil - da zeigt man das Innenleben", betont er den auch therapeutischen oder "zumindest ermutigenden Ansatz von Literatur".

Pro Jahreszeit ist ein Werkstatttreffen mit anschließender Lesung für Publikum geplant. Beim ersten Mal las Pietraß selbst. In Zukunft will er aber jedes Mal einen anderen Gastautor einladen. Studiert hat der Dichter einst Psychologie. Zu DDR-Zeiten war er unter anderem Herausgeber der Lyrikreihe "Poesiealbum" und Redakteur der Zeitschrift "Temperamente".

Den Bahnhof in Joachimsthal findet der freiberufliche Schriftsteller, der morgen gemeinsam mit Eva Strittmatter den ver.di-Literaturpreis erhält, "hochpoetisch". Nicht nur, weil die Bahnsteige von den "Poetischen Laternen" beleuchtet, werden, die der Grafiker Holger Barthel aufgestellt hat. Von dort aus verkehren auch die Züge der ODEG. Und die besten Gleis-L-Texte könnten über Lautsprecher im Zug eingespielt werden. "Aber das ist im Moment noch eine Idee." Für Ende Juni ist erst einmal der nächste Werkstatttermin angesetzt.

Informationen im Atelier Holger Barthel, Tel. 033361 72155


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